Der Kanton Bern entwickelt sich zum Pionierland der schweizerischen Medizintechnikindustrie. So schärft die Universität Bern ihre Kompetenzen mit dem frisch aus der Tauf" />

Volle Aktion im Kanton

Der Kanton Bern entwickelt sich zum Pionierland der schweizerischen Medizintechnikindustrie. So schärft die Universität Bern ihre Kompetenzen mit dem frisch aus der Taufe gehoben Artificial Organ Center for Biomedical Engineering Research (ARTORG). Das Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik CSEM fördert nicht nur Mikro- und Nanotechnologien für die ortstansässige Swatch Group, sondern unterstützt den wachsenden Hightech-Bedarf der Medizinunternehmen im Berner Kanton.

In der Schweizer Kapitale wurde vor zwölf Jahren der erste Medical Cluster, eine inzwischen in der ganzen Schweiz aktive Netzwerkorganisation für Medizintechnikunternehmen, gegründet und vor drei Jahren um das Competence Center for Medical Technology CCMT erweitert.

Eine Stärke der Clusterpolitik sieht der Leiter der Wirtschaftsförderung Kanton Bern, Denis Grisel, in der Fokussierung auf wachsende Branchen wie die Medizintechnik: „Unsere Innovationsstrategie zielt auf eine horizontale Vernetzung der Unternehmen und einen schnellen und effizienten Wissens- und Technologietransfer”, betont Grisel. Erste Früchte zeigt dieses Vorgehen beim Branchenumsatz: Die 320 kantonalen Medizintechnikunternehmen, davon etwa 190 Hersteller und Zulieferer, erzielten zusammen im Jahr 2007 einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro. Im Krisenjahr 2008 zeigten sich zwar Bremsspuren, aber von Umsatzeinbrüchen ist laut Grisel nichts zu spüren: „Die Branche wächst nach wie vor”, betont Grisel.

Rückgrat der überwiegend mittelständisch geprägten Industrie ist ein Heer an hochqualifizierten Medizin- und Biotechnikern, Mechatronikern und Systemingenieuren, sowie eine auch international anerkannte Spitzenmedizin in den Bereichen Herz, Gefäße, Bewegungsapparat und Neurologie, wie sie an der Universitätsklinik Inselspital vorangetrieben wird. Auf der Liste der Medizintechnikunternehmen finden sich wohlklingende Namen wie Medtronic, Bernafon, Bien-Air, Roche Diagnostics, Ypsomed, Strautmann, Carbamed, Ziemer oder Precimed. Internationale Schwergewichte der Pharmaindustrie wie der US-amerikanische Hersteller von Plasmaprodukten, CSL Behring, nutzen den Heimvorteil einer munteren Entwickler- und Zuliefererszene, um die eigene Forschung und Produktion voran zu bringen. Standortvorteil Nummer eins ist neben der hohen Konzentration von Spezialisten und engen Verzahnung von Forschungseinrichtungen, Kliniken und Industrie ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein: „Das hat seinen Ursprung in der Tradition der Präzisionsarbeit, die sich in den vielen Kleinunternehmen und Feinwerkstätten bis heute gehalten hat”, sagt Patrick Roth, Geschäftsführer des Berner CCMT. Das zieht visionäre und ambitionierte Unternehmerpersönlichkeiten an wie den RFID-Experten David C. Gürlet oder den CEO von Ypsomed, Richard Fritschi. Gürlet hat mit einem jungen Team das Bettenmanagement im Inselspital in Bern auf Basis von RFID-Chips umgestellt und damit ein Einsparpotential in Millionenhöhe erreicht. Ypsomed, die mit Injektionssystemen weltweit erfolgreich im Bereich der Selfcare Solutions unterwegs ist, setzt jährlich 180 Millionen Euro mit Präzisionsteilen, Pen-Nadeln und -Systemen um. Nachfrageschwankungen irritieren Ysomed-Chef Fritschi überhaupt nicht: „An unserer guten Positionierung in den attraktiven Wachstumsmärkten Selbstmedikation und Diabetes hat sich nichts geändert”, unterstreicht Fritschi. Im Gegenteil, die Zeichen stehen auf Expansion: „Wir sind in diesem Jahr mit einem neuen Blutzuckermessgerät in den Markt gegangen.”

Dass sich erstklassige Qualität und zuverlässige Produkte auszahlen, davon ist auch Edgar Schönbächler, Director Product & Business Development bei dem Dentalspezialisten Bien Air, überzeugt. Mit sterilisierbaren Mikromotoren für die Dentaltechnik und Hochpräzisionsinstrumenten für Zahnärzte hat das Unternehmen international Fuß gefasst. 98 Prozent der Dentalsysteme gehen in den Export, vor allem nach USA. „Wir sind im Bereich der Implantologie rechtzeitig gestartet”, sagt Schönbächler. Besonders nachgefragt sind die Steuergeräte zum Anpassen des Drehmoments der Bohrer. Für restaurative Behandlungen gibt es leistungsstarke, kollektorlose Motoren mit bis zu 400 000 Umdrehungen. „Wir versuchen möglichst viel selbst zu machen”, verrät Schönbächler. Damit sollen die Kernkompetenzen im eigenen Haus bleiben und keine Abhängigkeiten hinsichtlich der Qualität entstehen. Wenn etwas nach draußen vergeben wird, dann nur an einheimische Lieferanten in der unmittelbaren Umgebung. 80 Prozent der Produktionspartner sind nicht weiter entfernt als 30 Kilometer von Hauptsitz in Biel.

Bei der Ziemer Group in Port liegt der Schwerpunkt auf dem Anwendungsbereich Augenheilkunde. Hinter Ziemer stecken vier Firmen, die zusammen im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr bei einem Jahresumsatz von knapp 29 Millionen Euro erwirtschafteten. Besonderes Highlight im Produktportfolio ist ein gepulster Femtosekundenlaser, mit dem der Arzt Gewebe im Auge mit einer Auflösung und Präzision im Mikrometer-Bereich ohne thermische Belastung der Umgebung entfernen kann. Frank Ziemer, President und Chief Executive Officer bei Ziemer Ophthalmology, sieht im regionalen Hightech-Handwerk den wichtigsten Motor für wettbewerbsfähige Innovationen und technologische Leistungsfähigkeit: „Der Standort Schweiz spielt für uns sowohl auf der Fertigungsseite als auch bei Forschung und Entwicklung eine entscheidende Rolle”, sagt Ziemer.

Weder Ingenieur- noch Designbüro – Marcel Aeschlimann will sich nicht festlegen. Der Mitstreiter von Creaholic sieht sich als Innovator in einem interdisziplinären Team von Querdenkern. Das in Biel ansässige Innovationshaus konzentriert sich nicht nur auf kundenspezifische Design- und Engineeringleistungen, sondern macht auch mit Eigenwicklungen von sich Reden. Beispiel Holzschweißen. „Eine unserer Erfindungen, das Boneweldingverfahren, hat sich in der Orthopädie als Operationstechnik etabliert”, sagt der Mikrotechniker Aeschlimann.                                                        -Andreas Beuthner-

Mehr über den Medtech-Markt Schweiz