Kanada lockt MedTech-Branche
In Kanada konzentriert sich der Großteil der Medtech-Aktivitäten auf Ontario und den Südosten. Aber auch in British Columbia oder Alberta entstehen Hightech-Zentren, die immer mehr Investoren anziehen. Die Medizintechnikindustrie profitiert von einem starken Healthcare-Markt und einer wachsenden Nachfrage nach medizinischen Spitzenleistungen.

Ontario mit der Hauptstadt Ottawa und dem Großraum Toronto ist die am stärksten bevölkerte kanadische Provinz, entsprechend selbstbewusst geben sich Wirtschaftsförderer und Industrievertreter: „Wir haben eines der besten Gesundheitsfürsorgesysteme der Welt und ein ausgezeichnetes Bildungswesen”, sagt die Konsulin für Wirtschaftsangelegenheiten der Provinz Ontario, Terrie Romano. Längst sind es nicht mehr Forstwirtschaft oder Bergbau, die für Einkommen und Umsatz in der auch touristisch attraktiven Region sorgen. Die Life-Sciences-Industrie in Ontario erwirtschaftet jährlich Erlöse von über elf Milliarden kanadische Dollar (knapp sieben Milliarden Euro). Der Anteil medizinischer Geräte beläuft sich dabei nach Angaben des Ministeriums für Industrie auf mehr als fünf Milliarden CAD (3,15 Milliarden Euro).
Es sind nicht nur die guten Geschäftsaussichten, die der kanadischen Wirtschaft Jahr für Jahr Neuzugänge bei investierenden Firmen oder in der munteren Start-up-Szene, beispielsweise im Gründerzentrum Mars (Medical and Related Sciences), bescheren. Das eigentliche Kapital ist ein beeindruckendes Know-how aus mehr als 60 medizinischen Forschungsinstituten und renommierten Kliniken, wie dem Ontario Cancer Institute oder dem Universitiy Health Network. In Kanada sind derzeit mehr als eine Million Studenten in den Hochschulen eingeschrieben, ein Drittel davon in Studiengängen der Sozial- und Life-Sciences-Wissenschaften. Jeder zweite Kanadier im Alter von 25 bis 35 Jahren hat ein Hochschuldiplom in der Tasche. Dazu kommen 75 000 hochqualifizierte Facharbeiter, die auf Gerätetechnik, Entwicklungen im Bereich der Arzneimittel oder auf den wachsenden Bereich der ingenieurwissenschaftlichen Dienstleistungen spezialisiert sind. Immerhin befinden sich 18 der 40 besten nordamerikanischen Ingenieurschulen in Kanada.
Neben diesem grandiosen Expertenpool zahlt sich auch eine beharrliche Förderpolitik durch die Regierung aus. Bund und Provinzregierungen unterliegen einer klaren Aufgabenteilung: Während sich die Zentralregierung um die Umsetzung der Richtlinien des Canadan Health Act kümmert, fallen alle praktischen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung vom Krankenhausbetrieb bis zur Ansiedlung von Medtech-Companies in die Zuständigkeit der zehn Provinzen. Die meisten Kliniken betreiben Non-Profit-Organisationen, die allerdings dem Insolvenzrecht unterliegen und bei zu schwacher Kapitalausstattung oder betriebswirtschaftlicher Fehlplanung in Konkurs gehen können. Etwa fünf Prozent der übrigen medizinischen Dienstleistungen und einige Spezialkrankenhäuser sind gewinnorientierte Privatunternehmen.
Im Vergleich zu anderen führenden Industriestaaten gewährt das zweisprachige Land zwischen Atlantik und Pazifik erhebliche Steuervorteile. Diese Tax Incentives greifen vor allem bei forschungs- und entwicklungsintensiven Aktivitäten und umfassen Gutschriften und erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten. Großzügig unter die Arme greifen staatliche oder regionale Stellen auch, wenn es um die Technologievermarktung oder den Export von in Kanada hergestellten Medizinprodukten geht: Der Food and Drugs Act gestattet heimischen Herstellern, Produkte gemäß den Gesetzen des Empfängerlandes und unabhängig vom Genehmigungsstatus in Kanada auszuführen.
In den 1 500 Fertigungswerken der kanadischen Hersteller mit ihren 35 000 Beschäftigten hat man sich längst auf den internationalen Wettbewerb und die strengen Auflagen des größten Zielmarktes für kanadische Medizinprodukte – 76 Prozent des Medtech-Exports geht in die USA – eingestellt. Das Anwendungsspektrum ist breit aufgestellt und reicht von Herzklappen und Cryoablationssystemen über die medizinische Bildverarbeitung und das intra-operative Magnetic Resonance Imaging (MRI) bis zu In-Vitro-Diagnosegeräten, Herzmarkern, Zahnimplantaten und -materialien einschließlich Hilfsgeräten und Reha-Produkten. Zu den internationalen Firmen, die in Kanada investiert haben, zählen Abbott Laboratories, McKesson, Baxter, 3M, Bard, St. Jude, Siemens, Sulzer und Mitroflow.
Welchen Stellenwert die Kanadier mittlerweile im Bereich der Medical and Assistive Technologies (MAT) einnehmen, lässt sich auch an der Liste deutscher Firmen vor Ort ablesen. Carl Zeiss, Dräger, Fresenius und Karl Storz unterhalten größere Niederlassungen und haben auch Teile ihrer Forschungs- und Entwicklungsabteilung im Südosten angesiedelt. B. Braun, Mednovo, Schreiber oder Trumpf beliefern mit ihren Produkten den kanadischen und amerikanischen Markt über eigene Niederlassung in Ontario oder Quebec. Der Pharmahersteller Boehringer Ingelheim hat erst im letzten Jahr 22,6 Millionen Euro in die Erweiterung seines Forschungscenters in Laval, Provinz Quebec, investiert.
Besonders auf den kanadischen Biotechnologie-Sektor sind Wirtschaftsstrategen stolz. Diese Branche zählt heute zu den profitabelsten Umsatzträgern und lockt in den Metropolen Montréal, Toronto und Vancouver internationale Investoren aus den Bereichen Genforschung, Proteomik, Immunotherapie, Proteintechnik und Pharmakotherapien an. Junge Biotech-Firmen, wie Axela Biosensors oder alteingesessene Unternehmen wie MDS Nordion, nutzen die Standardvorteile, um immer wieder neue Innovationen auf dem amerikanischen und europäischen Markt zu lancieren. Die automatische Diagnose und Analyse von Proteinen beispielsweise hat Axela zu einem Karrieresprung weit über die kanadischen Grenzen hinaus verholfen.
-abeu-
MedTech-Standorte: Kanada schlägt USA
Gegenüber dem US-amerikanischen Markt locken die kanadischen Wirtschaftsförderer mit geringeren Betriebs-, Lohn und Lohnnebenkosten. Auch die Körperschaftssteuer liegt im Durchschnitt deutlich unterhalb des US-Nachbarn. Die Medizingerätebranche in Ontario und Quebec hat es mit Hilfe großzügiger Staatsprogramme geschafft, innerhalb eines Jahrzehnts eine international anerkannt hohe Entwicklungs- und Produktionskompetenz aufzubauen mit engen Beziehungen zu den Universitäten und staatlichen Kliniken.
Ein Netzwerk von Technologie- und Forschungsparks mit angegliederten Gründerzentren bildet das solide Fundament für Wachstum und Expansion, das auch Risikogesellschaften zu schätzen wissen.
Moderate Grundstückspreise und Baukosten sowie ausreichende Grundstücksreserven in den meisten Provinzen sind der ideale Nährboden für ansiedlungsfreudige Unternehmen.

