Mail aus Sao Paolo
Amputations-Weltmeister Brasilien
Verkehrsunfälle, schlecht eingestellter Diabetes und Infektionen unbekannter Herkunft: In kaum einem Land der Welt liegt die Zahl der Amputationen so hoch wie in Brasilien. Ein Wandel in der brasilianischen Gesellschaft führt dazu, dass Menschen mit fehlenden Gliedmaßen nicht mehr ausgegrenzt werden. Auf der Regierung lastet der Druck, hochwertige und technologisch führende orthopädische Prothesen zur Verfügung zu stellen.
Ende des Jahres 2008 zählte das Statistische Bundesamt Brasiliens (IBGE – Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) 145 000 Brasilianer mit amputierten Gliedmaßen. Nicht berücksichtigt dabei wurden Amputationen, die aufgrund degenerativer Erkrankungen durchgeführt werden mussten. Die häufigsten Ursachen für Amputationen sind Verkehrs- und Arbeitsunfälle sowie Folgeerkrankungen schlecht eingestellter Diabetiker.
Während es in der Diabetes Therapie – vor allem in der Therapie-Treue der Patienten – in den letzten Jahren stetige Fortschritte gegeben hat, bleibt der Straßenverkehr das große Sorgenkind der brasilianischen Regierung. Die Zahlen sind erdrückend. Im Jahr 2008 standen in Brasilien 10 000 Tote und 500 000 Verletzte Motorradfahrer zu Buche. Vor allem die in großen Städten wie São Paulo allgegenwärtigen Motorradkuriere sind davon betroffen. Von den durch Verkehrsunfälle ausgelösten Amputationen entfallen 70 Prozent auf die so genannten Motoboys. Die Regierung macht sich in sofern Sorgen, dass ein Großteil der geschätzten Folgekosten von 8 Mrd Dollar vom Staat getragen werden müssen.
Die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle eilt von einem Rekord zum nächsten. 2006 gab es in Brasilien 35 155 Verkehrstote, das entspricht 96 Todesopfern pro Tag. An einem verlängerten Wochenende sehen die Zahlen noch dramatischer aus. So starben über den Jahreswechsel 2008/2009 nur auf den Bundesstraßen des Landes fast 300 Menschen. Diese Daten sind so erschreckend, dass die Zahl der Verletzten kaum Berücksichtigung findet. Doch kann man davon ausgehen, dass sie um ein Vielfaches höher liegt. Ein großer Teil dieses Patientenkreises verliert durch einen Verkehrsunfall ein oder mehrere Gliedmaßen. Orthopädische Prothesen und Rollstühle sind Bestandteil des SUS-Katalogs (SUS, Sistema Única de Saúde) in dem die staatliche Gesundheitsvorsorge geregelt ist. Die Bevölkerung hat kostenlosen Zugang zu allen in diesem Papier aufgeführten Leistungen.
Die Kosten für den brasilianischen Staat beliefen sich allein in Bezug auf orthopädische Prothesen schon 2004 (dem letzten Jahr aus dem entsprechende Zahlen vorliegen) auf knapp 60 Millionen Reais (entsprechen etwa 25 Millionen Euro). Wobei hier nur die reinen Beschaffungskosten aufgelistet sind. Die traditionell guten Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien bieten hier gute Chancen für deutsche Anbieter. Im gesamten Medizintechnik-Markt hatten deutsche Unternehmen 2007 einen Anteil von 15,6 Prozent an den brasilianischen Importen im Wert von 2,1 Milliarden Dollar. Im Zeitraum Januar bis August 2008 steigerte Deutschland seine Lieferungen im Gegensatz zu den Vorjahren überdurchschnittlich um 25,7% und konnte somit den Marktanteil auf 16,2 Prozent ausweiten. Betrachtet man die medizintechnischen Importe in Südamerika detailliert, so hat sich die Einfuhr von Orthopädietechnik wie Prothesen von 617 Millionen Dollar im Jahr 2005 bis zum Jahr 2007 auf mehr als 800 Millionen Dollar erhöht. Isoliert konnten die deutschen Unternehmen ihre Exporte von orthopädischen Apparaten und Prothesen in den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres um 14, 2 Prozent auf 270 Millionen Euro steigern.
Für deutsche Unternehmen, die sich in Brasilien engagieren wollen, ist die Investition in ein Joint Venture vor Ort sicher überlegenswert. Denn auch in der Medizintechnik ist Brasilien auf dem besten Wege zum Selbstversorger zu werden. Die lokalen Hersteller sind nach einer Studie der Wirtschaftsforschungsfirma Iedi (Instituto de Estudos e Marketing Industrial) inzwischen in der Lage, etwa 90% der Ausstattung eines Krankenhauses zu liefern, inklusive Hightech-Komponenten. Und auch auf anderen Fällen verkürzt sich der Abstand zur in Brasilien respektvoll genannten ‚Ersten Welt‘ immer weiter. Regionaler Schwerpunkt der Branche ist laut German Trade, der ehemaligen Bundesagentur für Außenwirtschaft, der Bundesstaat São Paulo, in dem 78% der insgesamt 449 Medizintechnikunternehmen sitzen. -Martin Igler-
Expertise aus Südamerika
meditec – Südamerika-Korrespondent Martin Igler ist freier Autor und Kommunikationsberater in Sao Paulo, Brasilien. Seine Kenntnisse des Marktes und der wirtschaftlichen Verhältnisse im größten Land Südamerikas werden von Marktforschern und Unternehmen in Deutschland nachgefragt. Dort gründete er drei Jahre zuvor, mit Thomas Lünendonk, die Lünendonk GmbH, für die er als geschäftsführender Gesellschafter tätig war.

