Frankreich: Medizintechnik-Schub durch Krebsvorsorgeplan?
Ausländische Anbieter prägen den französischen Markt für Medizintechnik. Gute Importchancen sehen Marktbeobachter für Diagnosesysteme und Image Networking über Bilddatenbanken. Und: Die Erfüllung des staatlichen Krebsvorsorgeplans funktioniert nicht ohne zusätzliche Kernspintomografen.
Bis Ende der 80er Jahre war französische Imaging-Markt vom Quasi-Monopolisten Companie Générale de Radiologie beherrscht”, erinnert sich Dr. Wladimir Kawiecki, Head of Business Development bei Siemens Healthcare France. 1987 wurde das Unternehmen durch General Electric übernommen, seither ist der Markt für Röntgengeräte offener.
Die Radiologen plagt jedoch nach wie vor die Bürokratie: „Die Anschaffung oder Austausch eines Röntgengroßgerätes bedarf in Frankreich einer staatlichen Genehmigung, und diese wird nur alle fünf Jahre vergeben“, so Kawiecki. Infolge dessen hinkt Frankreich bei der Ausstattung mit Computer- und Kernspintomographie im europäischen Vergleich deutlich hinterher. Abhilfe erhoffen sich die Ärzte über den Krebsvorsorgeplan, der vorgibt, dass jeder Franzose maximal zehn Tage auf eine Krebsdiagnose warten darf. Dieses Ziel lässt sich nur erreichen, wenn schnellstens zusätzliche Kernspintomografen angeschafft werden.
Mit einem Volumen von rund 7 Mrd Euro stellt der französische Markt für Medizintechnik laut dem Branchenverband SNITEM den zweitgrößten Markt dar hinter Deutschland und noch vor dem Vereinigten Königreich, Italien und Spanien. Frankreichs Medizintechnikindustrie zählt aktuell 259 Unternehmen mit zusammen mehr als 26000 Beschäftigten. Die Mehrheit davon sind kleine und mittlere Betriebe. Lediglich ein Fünftel hat mehr als hundert Angestellte, elf zwischen 250 und 500 und sieben mehr als 500 Mitarbeiter. Geographische Schwerpunkte sind beispielsweise die Regionen île de France und Rhônes-Alpes. Ausländische Unternehmen prägen in Frankreich rund zwei Drittel des Umsatzes mit Medizintechnik. Zu den großen Playern zählen GE Healthcare, Becton Dickinson, Maco Production, Baxter, Hill Rom, Philips Medical Systems, Siemens Medical Solutions und B. Braun Medical. In der Bilddiagnostik dominieren GE Healthcare, Philips Medical Systems, Toshiba und Siemens Medical Solutions.
Gute Geschäftschancen für deutsche Anbieter sieht die Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest vor allem im Bereich der Diagnosesysteme, der rund 35 Prozent des Marktes ausmacht. Gefragt ist demnach Spitzentechnologie wie etwa Image Networking über Bilddatenbanken. Bei diesem Verfahren können Ärzte bei der Diagnose frühere Krankheitsfälle zum Vergleich heranziehen. Aufgrund der Alterspyramide der Bevölkerung verspricht auch der Reha-Zweig Zuwächse. Dieses Segment umfasst alle Arten von Verbrauchsgütern einschließlich Pflege-Kits für die Betreuung durch Familien oder Krankenschwestern. Der Markt für Prothesen mit einem Anteil von acht Prozent verzeichnet eine starke Nachfrage bei Knien, Hüften und Ellenbogen.

Das französiche Marktvolumen für Medizintechnik und medizintechnische Ausrüstungen überstieg im Jahr 2007 ein Volumen von 4,5 Mrd Euro. Tendenz: steigend.

Am französischen Import medizintechnischer Produkte hatte Deutschland im Jahr 2007 einen Wertanteil von knapp 13 Prozent.
Bereits seit 2003 läuft in Frankreich ein Investitionsprogramm für die privaten und öffentlichen Krankenhäuser. Es wird über die Pläne Hôpital 2007 und Hôpital 2012 vorangetrieben, die jeweils über ein Budget von 10 Mrd Euro verfügen. Ziel ist die Modernisierung bestehender Gebäude sowie die Konstruktion von Hospitälern einer neuen Generation. Ein beispielhaftes Projekt ist etwa das Krankenhaus in Bourgoin-Jallieu/Isère.
Der Zwang zur Rationalisierung besteht aufgrund der demographischen Rahmendaten: Bis zum Jahr 2015 erwarten Experten aufgrund der alternden Bevölkerung eine Zunahme der Langzeitpatienten sowie ein Wachstum der Gesundheitskosten um die Hälfte. Politische Vorgaben sehen eine Einschränkung der Krankenhausaufenthalte vor, und das wiederum lässt eine höhere Nachfrage nach Ausstattungen zur häuslichen Pflege erwarten.
Die staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung legt über den ‚Plan Cancer‘ einen Schwerpunkt auf die Krebsforschung. Im vergangenen Jahr kam mit dem ‚Plan Alzheimer‘ ein zweites Förderprojekt hinzu, dessen Budget sich auf 1,6 Mrd Euro beläuft. Mit Deutschland besteht im Innovationsprojekt ISEULT eine enge Zusammenarbeit von Industrie und Wissenschaft. Das Projekt zielt auf die Weiterentwicklung der medizinischen Bildgebung durch Magnetresonanzsysteme. Es ist auf fünf Jahre angelegt und umfasst ein Volumen von etwa 200 Mio Euro. Rund 30 Mio Euro stellen davon die Regierungen, den Rest steuert die Industrie bei.
Jürgen Frisch


