Brasilien: Keine Spur von Krise

Deutsche Hersteller von Medizintechnik kommen am brasilianischen Markt nicht mehr vorbei. Er wird auf ein Volumen von 121 Mrd. US-Dollar taxiert und verspricht weiterhin solide Wachstumsraten. Zudem: Die Wirtschaftskrise zieht an dem Land folgenlos vorbei, die großen Hospitäler modernisieren ihre Ausstattung auf unverändert hohem Niveau. meditec-Korrespondent Martin Igler hat dem brasilianischen Medizintechnik-Markt den Puls gefühlt.

Brasilien gilt als junges Land. Die Unabhängigkeit von Portugal ist mal gerade 187 Jahre her, das Durchschnittsalter lag bei der letzten Volkszählung bei weniger als 30 Jahren. Auf die medizinische Infrastruktur umgelegt, ergeben diese Zahlen einen erheblichen Nachholbedarf.

Neue Medikamente und Technologien haben in Brasilien dafür gesorgt, dass die Lebenserwartung steigt. Ende 2008 veröffentlichte das Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE, wenn man so will das statistische Bundesamt des Landes) aktuelle Zahlen, wonach die Lebenserwartung zwischen 1991 und 2007 um mehr als 5 Jahre gestiegen ist. Da die Altersgruppe der mehr als 65-Jährigen laut Statistik sehr viel stärker auf medizinische Versorgung angewiesen ist, steigt die Notwendigkeit, die Ausstattung von Arztpraxen und Krankenhäusern zu verbessern. Dazu tragen auch die Stabilisierung der brasilianischen Wirtschaft und die damit verbundene Steigerung der Reallöhne bei, die zu einer spürbaren Erhöhung der Zahl der Brasilianer mit einer privaten Krankenversicherung geführt haben. Das setzt Gelder frei, die sowohl in die private als auch die öffentliche Gesundheitsversorgung investiert werden.

Brasilien hat seit der Reform von 1988 das Recht auf Gesundheit in der Landesverfassung verankert. Die Zuständigkeit wird dabei eindeutig dem Staat zugewiesen, der seine Rolle, wie man vor Ort sehen kann, sehr ernst nimmt. Für die öffentliche Versorgung maßgebend ist das „Sistema Único de Saúde” (SUS), in dem der kostenfreie Zugang der Bevölkerung zu medizinischen Leistungen, von der ambulanten Versorgung bis zur Organtransplantation, geregelt ist.

Gute Chancen für deutsche Hersteller

Die Leistungen im SUS-Katalog werden ständig aktualisiert und erweitert. Für die Anbieter von Medizintechnik ist dieser Katalog insofern interessant, als er ein Indikator für den Markt ist. Neuaufgenommene Versorgungsleistungen ziehen in der Regel hohe Investitionen nach sich. Der brasilianische Staat steht für 50 Prozent der Investitionen in Medizintechnik.
Gute Chancen ergeben sich dabei für deutsche Hersteller von Medizintechnik, wie die aktuelle Studie ‚Der Medizintechnikmarkt in Lateinamerika‘ von Germany Trade & Invest (der ehemaligen BFAI, Bundesagentur für Außenwirtschaft) belegt. Für die in der Studie behandelten Länder Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Venezuela errechneten die Analysten für 2008 Importe medizintechnischer Produkte im Wert von mehr als 5,6 Mrd. US-Dollar.

Ein weiterer Gradmesser für die Absatzchancen deutscher Hersteller, war die diesjährige Ausgabe der Fachmesse Hospitalar in São Paulo. Insgesamt 1 200 Aussteller aus 32 Ländern zeigten dort ihre Produkte. Die Veranstalter berichten von Aufträgen in einem Gesamtwert von 2,5 Milliarden Dollar, die währen der Messe ausgehandelt und abgeschlossen wurden. Das Gesamtvolumen des brasilianischen Medizinmarktes liegt bei 121 Milliarden Dollar und repräsentiert 8 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts des größten Landes Südamerikas. Etwa 25 Prozent davon entfallen nach Berechnungen des brasilianischen Gesundheitsministeriums auf die Ausstattung von Krankenhäusern und Ambulanzen (Postos de Saúde).
Noch eindrucksvoller für ausländische Hersteller ist das Wachstum der Importe von medizinischen Produkten (ohne Medikamente), das von 2007 auf 2008 um 33 Prozent von 2,7 auf 3,6 Milliarden US-Dollar anwuchs. Mit einer Abschwächung dieses Wachstums wird, der weltweiten Krise zum Trotz, auch heuer nicht gerechnet. „Die großen brasilianischen Krankenhäuser haben ihre Investitionen nicht gekürzt, sondern modernisieren ihre Ausstattung weiter auf hohem Niveau”, befindet Dr. Waleska Santos, Gründerin und Präsidentin der Hospitalar.

Die ersten für dieses Jahr vorliegenden Zahlen geben den optimistischen Prognosen Recht. Das IBGE errechnete zwischen Februar 2008 und März 2009 eine Steigerung des Umsatzvolumens mit medizinischem Equipment von 13 Prozent. Für die Importeure von Medizintechnik standen demnach zwischen Januar und März 2009 ein Umsatz von 1 Milliarde Dollar zu Buche, was eine Steigerung von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet.

Martin Igler: „Die Wirtschaftskrise zieht an Brasilien folgenlos vorbei, die großen Hospitäler modernisieren ihre Ausstattung auf unverändert hohem Niveau.“

Martin Igler: „Die Wirtschaftskrise zieht an Brasilien folgenlos vorbei, die großen Hospitäler modernisieren ihre Ausstattung auf unverändert hohem Niveau.“

Auch deutsche Firmen waren, unterstützt von der German Healthcare Export Group (GHEG), auf der Hospitalar 2009 vertreten. Technologie aus Deutschland genießt in Brasilien nach wie vor einen mehr als guten Ruf. Enge Kooperationen zwischen Hochschulen in Deutschland und Brasilien sorgen dafür, dass zahlreiche brasilianische Mediziner zumindest einen Teil ihrer Ausbildung in Deutschland – damit an deutscher Medizintechnik – absolviert haben und auf gewohntes Equipment nur ungerne verzichten wollen.
Große deutsche Unternehmen aus dem Medizintechnik-Umfeld sind bereits seit längerem vor Ort aktiv, zumeist über brasilianische Tochterunternehmen. Doch auch für deutsche Mittelständler lohnt sich der Markteintritt durchaus. Dabei muss die Repräsentanz nicht zwangsläufig über die Gründung einer brasilianischen Tochter sichergestellt werden. Joint-Ventures oder der Kauf eines brasilianischen Unternehmens können sich im Einzelfall als leichter realisierbar erweisen.

Vorort-Präsenz ist unabdingbar

Auf lange Sicht gesehen ist allerdings die Vorort-Präsenz unabdingbar, weil anderenfalls hohe Einfuhrzölle und enorme Kosten für Lizenzierungen den Geschäftserfolg in Frage stellen. Mit diesen Maßnahmen will Brasilien den heimischen Arbeitsmarkt stützen. Wer Einzelteile ins Land liefert und sie vor Ort von brasilianischen Fachkräften zusammenbauen lässt, spart sich in der Regel die Einfuhrzölle und senkt das Maß an Bürokratie doch erheblich.

Das Vertrauen in das weitere Marktwachstum belegt das Investment (50 Millionen Dollar) von GE Healthcare, die für 2010 den Bau einer Produktionsstätte von Röntgen- und Mammographie-Geräten im Bundesstaat Minas Gerais angekündigt haben. Interessant dabei, dass GE die Kapazität des Standortes sukzessive erhöht hat und das erste GE-Werk in Südamerika jetzt die dreifache Größe der ursprünglichen Planungen hat. Brasilien habe man nicht nur wegen seiner zentralen Lage ausgewählt, sondern auch weil das Land für etwa 40 Prozent des mit Medizintechnik erzielten Umsatzes in Lateinamerka stehe, so die offizielle Begründung der Investitionsentscheidung.

Martin Igler