Exklusiv-Interview
Unsichtbare Schnitte
Durch natürliche Körperöffnungen so genannte Schlüsselloch-Operationen durchzuführen, das haben bislang erst wenige Chirurgen gewagt. Hier ein Exklusiv-Interview mit Chefarzt Dr. Jens Burghardt, einem der wenigen Pioniere von NOTES-Eingriffen in Deutschland, der bereits bei hundert Frauen auf transvaginalem Wege die Gallenblase entfernt hat.
Herr Dr. Burghardt, wie sind Sie von der Allgemein-Chirurgie zur NOTES-Chirurgie gekommen?
Als Chirurg habe ich eine Spezialisierung in der minimal-invasiven Chirurgie und hierbei auch spezielle Erfahrungen mit Operationen im Rektum (transanale endoskopische Mikrochirurgie, TEM) gesammelt. Andererseits in der flexiblen Endoskopie mit mehr als 5 000 Eingriffen (Gastroskopie, Koloskopie, ERCP, Bronchoskopie) ausgebildet, sah ich in NOTES frühzeitig die Chance, meine Fähigkeiten wieder zu vereinen.
Wie sahen die ersten Schritte aus, nach Ihrem Beschluss, sich auf das Terrain des Neulands NOTES zu begeben?
Im Sommer des vergangenen Jahres habe ich in einem Tier-Operationssaal verschiedene Versuche zu den einzelnen Zugangswegen sowie zum Operieren mit flexiblen Endoskopen gemacht, musste allerdings erkennen, dass ein Arbeiten mit den aktuell zur Verfügung stehenden flexiblen Geräten nicht möglich ist.
Aber bald darauf erfolgte Ihr erster NOTES-Eingriff am Menschen?
Richtig; im September 2007 habe ich von einer transvaginalen Hybridmethode erfahren und dann im Oktober zusammen mit einem Gynäkologen an der ersten Patientin erfolgreich transvaginal eine Cholezytektomie (Entfernung der Gallenblase) durchgeführt. Seitdem habe ich an die 100 Patientinnen auf diesem Wege cholezystektomiert sowie Appendektomien, Rektosigmoidresektionen und auch rechtsseitige Hemikolektomien, vorgenommen.
Gab es bei den von Ihnen bislang durchgeführten Cholezytektomien intra- oder postoperative Komplikationen?
„Es gab eine postoperative Komplikation in Form einer vaginalen Nachblutung, welche konservativ behandelt werden konnte. Desweiteren ist bei einer Patientin beim vaginalen Zugang die Harnblase verletzt worden. Die Behandlung hier erfolgte ebenfalls konservativ, mittels Harnblasenkatheter für drei Tage ohne weitere Komplikationen für die Patientin.”
Die Idee von NOTES ist unter Medizinern nicht unumstritten. Gab es in Ihrem Kollegenkreis gleich Unterstützung oder eher kritische Stimmen?
Anfänglich war ich zahlreichen Anfeindungen speziell durch Gastroenterologen ausgesetzt, doch inzwischen läuft an unserer Klinik die weltweit erste doppelt-blinde, randomisierte Studie, um die neue Operationstechnik mit dem bisherigen Standardverfahren, der laparoskopischen Gallenblasenentfernung, zu vergleichen.
Wie sieht die Operationstechnik aus?
Die Technik hat inzwischen verschiedene Modifikationen erfahren. Prinzipiell wird zunächst über den Nabel laparoskopiert und anschließend unter laparoskopischer Kontrolle im hinteren Scheidengewölbe eine gebogene Fasszange (Erhöhung der Freiheitsgrade im Vergleich zu geraden Instrumenten) sowie ein Trokar eingebracht. Anschließend wird die Videooptik umgesetzt und die Operation unter transvaginaler Traktion vom Nabel aus vorgenommen. Die Bergung als entscheidender Schritt dieser Operation erfolgt wieder transvaginal.
Haben sich dabei die in NOTES gesetzten Erwartungen erfüllt?
Die Rationale für mich ist, dass wir durch unsere neue Technik Trokarhernien, Wundinfektionen und Schmerzen vermindern können.
Sie sprachen schon die Unzulänglichkeiten der bisherigen Endoskoptechnik für NOTES-Eingriffe an. Worin liegen diese hauptsächlich?
Die flexiblen Geräte und Instrumente unterliegen zahlreichen Limitationen im Bereich der Kraftübertragung, des Blickfeldes und der Triangulation. Auch ist für andere als den transvaginalen Zugang der Wiederverschluss des Zugangs noch ungeklärt.
Welche Perspektiven sehen Sie für die nächste Zeit?
Ich habe im April 2008 den ersten Berliner NOTES-Tag organisiert und mit über 130 Teilnehmern bei der Übertragung von Life-Operationen und Vorträgen ein großes Interesse meiner Kollegen feststellen können. Ein 2.Berliner NOTES-Tag findet am 30. Oktober statt. Des Weiteren habe ich mit sehr engagierten Kollegen ein Trainigsmodell (Pelvietrainer und Tiermodell) entworfen und die ersten Operationskurse organisiert. Das Gespräch führte Helmut Bruckner

