Produkt- und Markenpiraterie

Ruhe vor dem Sturm?

Die gefälschte Gucci-Handtasche, das Plagiat eines Kugellagers oder vermeintliche Markenmedikamente, die überhaupt keine Wirkstoffe enthalten – die westlichen Industrienationen sehen sich immer häufiger mit Produkt- und Markenpiraterie konfrontiert. In der Medizintechnik ist es dagegen ziemlich ruhig – noch, sagen manche.

Es ist fast wie im Paradies: Während ringsum der Sturm der Produkt- und Markenfälschungen tobt, weht in der Medizintechnik nur ein laues Lüftchen, meist ist sogar Flaute. Unisono sagen viele Anbieter von Diagnose- und Behandlungsgeräten, dass sie bislang keine Probleme mit Plagiaten hatten. Auch den einschlägigen Branchenverbänden ist wenig bekannt. Auf unter zwei Prozent schätzt der Bundesverband Medizintechnologie (BVmed) die einschlägigen Fälle von Produktfälschungen in Westeuropa unter Berufung auf die International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce (IMPACT) der Weltgesundheitsorganisation WHO.

„Bei technisch einfach kopierbaren und patentrechtlich nicht schützbaren Produkten sieht es aber schon anders aus”, sagt BVmed-Vorstandsvorsitzender Dr. Meinrad Lugan. Bei Spritzen, Kanülen oder Latexhandschuhen stoße man immer wieder auf Kopien, „teilweise bis zur Verpackung”. Lugan, der Mitglied des Vorstandes der B. Braun Melsungen AG ist, berichtet auch vom Fall eines indischen Ausstellers auf der Medica im vergangenen Jahr, „bei dem wir Produkte entfernen ließen, die unseren Kathetern zum Verwechseln ähnlich sahen”. Sicherlich sorge sich die Mehrzahl der Medizintechnikunternehmen derzeit eher um Grauimporte als um Produktpiraterie, „aber man wähnt sich zu sicher vor Kopien”.

Auch Jennifer Goldenstede, Leiterin Auslandsmarketing und Exportförderung beim Branchenverband Spectaris (Deutscher Industrieverband für optische, medizinische und mechatronische Technologien), sieht derzeit vor allem einfache Produkte durch Fälschung bedroht: „Natürlich werden Dinge nachgebaut, aber viele Unternehmen wollen auch nicht, dass dies publik wird.” Till Barleben, Rechtsanwalt beim Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), glaubt ebenfalls, dass „Medizintechnikprodukte bislang eher selten gefälscht werden”. Die wenigen entdeckten Plagiate ahmten im Wesentlichen die Produktgestaltung nach, kopierten jedoch nicht die wichtigen technischen Funktionen, was gerade bei softwarebasierten Lösungen an deren Komplexität liege. Hierdurch seien die Originalprodukte auf dem Markt leicht von den Plagiaten abzugrenzen.

Trügerische Gelassenheit

In anderen Branchen kann man inzwischen nicht mehr so gelassen sein wie in der Medizintechnik. So hat der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zur diesjährigen Hannover Messe Industrie Ergebnisse einer Umfrage unter seinen Mitgliedern veröffentlicht, wonach fast 70 Prozent der Unternehmen von Produktpiraterie betroffen sind. Eine Anfang September von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass Produkt- und Markenpiraterie für die europäischen Konsumgüterhersteller zu einer ernsten Bedrohung wird. Den jährlichen Schaden schätzt die Studie auf 35 Milliarden Euro – zwei Prozent des gesamten Jahresumsatzes. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT) spricht von jährlichen Verlusten von 30 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft. Und die Jahresstatistik der EU-Generaldirektion Steuern + Zollunion nennt für das vergangene Jahr 43.000 aufgeflogene Fälle von Produkt- und Markenpiraterie; die Zahl der beschlagnahmten Medikamente stieg gegenüber 2006 um 50 Prozent. Fast 60 Prozent aller beschlagnahmten Waren kam aus China.

Nun ist die Komplexität einer Getränkeabfüllanlage oder einer Textilmaschine ja bei weitem nicht mit der eines Herzschrittmachers oder der eines Magnetresonanztomografen vergleichbar. „Das schützt die Medizintechnikbranche indirekt vor Produktpiraterie”, sagt BVmed-Vorstandsvorsitzender Lugan. „Bei einem Knieimplantat zum Beispiel wäre ich mir da aber schon nicht mehr so sicher.” Ebenfalls für einen indirekten Schutz vor Fälschern sorgt in den Augen von Spectaris-Vertreterin Goldenstede die Tatsache, dass „ein Drittel der Medizintechnikprodukte kürzer als drei Jahre auf dem Markt ist”.

Schutzschirm regulierter Markt

Dass die Branche ruhig schlafen kann, liegt daneben auch an den Vertriebswegen. „Die Absatzkanäle Westeuropas sind stark reguliert”, gibt Lugan zu bedenken, „zumal bei vielen Geräten auch noch jährliche Wartungen vorgeschrieben sind, bei denen Plagiate auffallen würden.” Auch ZVEI-Jurist Barleben sieht in der zeitlich befristeten Zulassung einen wirkungsvollen Schutz vor Fälschungen. Darüber hinaus hätten die Abnehmer von Medizinprodukten ein starkes Eigeninteresse, nur hochwertige und sichere Geräte zu kaufen – und die gebe es eben nur vom Originalhersteller. Einen weiteren Grund für die geringe Anzahl von illegalen Nachbauten auf dem Markt sieht Barleben in den Vertriebswegen: „Zwischen Herstellern und Abnehmern, beispielsweise Kliniken, bestehen in der Regel sehr direkte Geschäftsbeziehungen. Ein Produktpirat hat kaum eine Chance, sich hier unbemerkt zwischenzuschalten.”

Trotzdem rät Barleben den Unternehmen, „sehr wachsam” zu sein. Das Thema ist auch durchaus in den Hinterköpfen der Unternehmensleitungen präsent, wie eine Umfrage unter bayerischen und baden-württembergischen Medizintechnikfirmen zeigt, die im vergangenen Jahr im Auftrag des Netzwerks Mikrosystemtechnik Baden-Württemberg durchgeführt worden ist: Mehr als 70 Prozent der Teilnehmer gaben an, in der Produktpiraterie zumindest teilweise eine ernst zu nehmende Gefahr zu sehen.

„Ein Problem ist, dass man gerade bei der Einfuhr von Produkten nach China sehr detaillierte Unterlagen einreichen muss, anhand derer sich zum Beispiel Regionalanästhetika oder Inkontinenzprodukte kopieren lassen”, sagt BVmed-Vorstandsvorsitzender Lugan. Die Produktpiraterie werde in der Medizintechnik weiter zunehmen, zumal die Unternehmen immer noch viel zu unbedacht Technik-Know-how preisgäben, bemängelt er: „Beim Auslagern der Produktion
ist man einfach zu leichtsinnig.”

Michael Vogel